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Der Call for Papers zur 3. Ausgabe:

Der Call for Papers als barrierefreies pdf

„Körper – Konzepte, Relationen & gesellschaftliche Verhältnisse“

Der ‚behinderte’ Körper ist Gegenstand von Medien, Kunst und Performance und wird in den Disability Arts künstlerisch hinterfragt. Er wirft philosophische Fragen zum Körper in Zeit und Raum auf und verweist gesellschaftspolitisch darauf, inwiefern ‚besondere‘ Körper, Körperbilder und Körperpraktiken Anlass zur Kritik der Verhältnisse bieten. Zugleich wollen wir wissen: ‚Darf‘ das leibliche Empfinden oder schmerzhaftes Erleben von behinderten Körpern öffentlich thematisiert werden oder spielt man damit denjenigen in die Hände, die Leben mit Behinderung für nicht lebenswert halten? Sowohl aus künstlerischer als auch aus aktivistischer und akademischer Perspektive ermöglicht das Thema ‚Körper‘ vielfältige Verbindungen.

Im Anschluss an die ZDS #2 „Abseits und Jenseits des sozialen Modells von Behinderung“ wollen wir mit diesem Call for Papers die Diskussion um Behinderung als sozialem Phänomen fortsetzen. In dem im Kontext der Kritik am Sozialen Modell häufig zitierten Aufsatz von Hughes und Paterson (1997) werfen diese den Vertreter*innen des sozialen Modells vor, den beeinträchtigten Körper im Diskurs um Behinderung zu vernachlässigen und ihn so kampflos den medizinischen Disziplinen zu überlassen. Sie plädieren dafür, den Körper mit in das soziale Modell aufzunehmen und eine Theorie der Beeinträchtigung zu entwickeln, denn „impairment (…) is central to the lives of disabled people. Forms of resistance, and the struggle for bodily control, independence and emancipation, are embodied“ (Hughes & Paterson, 1997, S. 326). Inzwischen besteht weitgehender Konsens, dass eine theoretische Auseinandersetzung mit Behinderung den Körper einbeziehen muss; wie dies geschehen soll, ist jedoch umstritten.

Nach wie vor gibt es kein ausgearbeitetes „social model of impairment” (vgl. Biermann & Pfahl, 2020), aber die Kritik an der Körpervergessenheit des sozialen Models löste eine Debatte um die Frage aus, welcher theoretische Zugang zum behinderten Körper der beste ist. So kritisieren Barnes und Mercer (2003), dass der poststrukturalistische Ansatz erheblich zur Denaturalisierung des ‚besonderen‘ Körpers beigetragen habe. Die Konzeptionaliserung des Körpers als diskursives Produkt von Macht und Wissen führe zum Verschwinden des materiellen Körpers; und indem der Körper ausschließlich als diskursiver Effekt gesehen werde, würden behinderte Menschen zu „largely passive witnesses to discursive practices“ (ebd., S. 86). Hier müssten neue Wege des Verständnisses von Verkörperung gefunden werden, weshalb die Autoren plädieren: „Hence the significance of an eclectic approach that incorporates the subjective experiences or phenomenology of embodiment as well as the power of social discourse in the construction of bodies, while recognizing the broader context within which the body can be known and understood“ (ebd., S. 86).

Unter den britischen Disability Studies Vertreter_innen ist es vor allem Carol Thomas, die sich seit langer Zeit intensiv mit der Frage beschäftigt, wie der ‚besondere‘ Körper in den britischen Disability Studies angesprochen wird. Sie sieht aus den genannten Kontroversen den folgenden Ausweg: „My own view is that a non-reductionist materialist feminism offers the best hope for understanding and explaining disability, impairment effects, and the gendered nature of these” (Thomas, 1999, S. 143). Vor diesem Hintergrund könnte dann eine “non-reductionist materialist ontology of the body” (ebd.) entwickelt werden, die auch „impairment effects“ (Thomas, 2007, S. 180) berücksichtige.

Im Diskurs zum behinderten Körper geht es dabei auch immer um die Art der kulturellen Repräsentation. Hier zeige sich nicht nur, wie Körper für bestimmte Zwecke instrumentalisiert werden, sondern auch, wie gleichzeitig mit dem ‚besonderen‘ der ‚normale‘ Körper hergestellt wird: „It [disability] is in some sense the basis on which the ‘normal’ body is constructed; disability defines the negative space the body must not occupy“ (Davis, 1997, S. 68). Eine zentrale Rolle spielt der Körper auch in dem 2003 von Alison Kafer veröffentlichten Text, in dem sie das Konzept der „compulsory abled-bodiedness“ vorstellt. Orientiert an einem wegweisenden Text von Adrienne Rich, die das Konzept der „compulsory heterosexuality“ (Rich, 2003 [1980]) entwickelte, zeigt Kafer (2003) auf, dass alle gesellschaftlichen Felder nicht nur an einer Zwangs-Zweigeschlechtlichkeit, sondern auch an einer verpflichtenden „able-bodiedness“ ausgerichtet sind. Robert McRuer schließt sich dieser Sichtweise an und zeigt auf, wie das Zusammenspiel der beiden Systeme den nichtbehinderten Körper und gleichzeitig Heteronormativität produziert: „Able-bodiedness, even more than heterosexuality, still largely masquerades as a nonidentity, as the natural order of things“ (McRuer, 2006, S. 1). Die von ihm entwickelte Crip Theory will verstören bzw. ent-selbstverständlichen, was an sexuellen und körperlichen Ausprägungen als normal gilt und die gesellschaftliche Gleichberechtigung aller Variationen von Körpern und Fähigkeiten erreichen. Dabei spielt der Körper eine wichtige Rolle: „[…] I do not mean to deny the materiality of queer/disabled bodies, as it is precisely those material bodies that have populated the movements and brought about the changes I discuss throughout“ (ebd., S. 32).

Inzwischen zeichnet sich ein Konflikt zwischen den Positionen der „poststructuralist or very sympathetic with poststructuralism“ und den „post-positivist realist“ Vertreter*innen ab (McRuer, 2010, o. S.), in welchem der ‚besondere‘ Körper eine wichtige Rolle spielt. Die benannte Konfliktlinie weist Parallelen zur Butler-Rezeption in den Frauen- und Geschlechterstudien auf: So wird auch hier Vertreter*innen poststrukturalistischer Ansätze vorgeworfen, den Körper bzw. seine Materialität zu vergessen (vgl. Siebers, 2008). Dahingegen arbeiten wiederum andere Autor*innen heraus, dass nicht nur Behinderung sondern auch ‚impairment‘ diskursiv konstruiert wird und gesellschaftlich-historischen Veränderungen unterliegt (vgl. Tremain, 2005).

Im Anschluss an diese anglo-amerikanischen Debatten möchten wir die Frage vertiefen, welche Bedeutung der Körper in der persönlichen Erfahrung, gesellschaftlichen Konstruktion, in Bewusstsein und Identität von Einzelnen und Gruppen und/oder in politischen und gesellschaftlichen Debatten einnimmt. Von Interesse ist insbesondere, welche theoretischen Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Körpers für ein soziales Modell von Behinderung in den deutschsprachigen Disability Studies diskutiert/geführt werden.

 

Eingeladen sind – sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus künstlerischen und aktivistischen Kreisen ­– Beitragsvorschläge für die verschiedenen Rubriken der ZDS u.a. zu folgenden Themen und Kontexten:

Körperkonzeptionen

Wie lässt sich der ‚besondere‘ Körper theoretisch fassen? Welche ‚Denkschulen‘ führen zu welchen Ergebnissen? Wie müsste ein soziales (oder anderes) Modell von Behinderung theoretisch angelegt sein, um Beeinträchtigung – also ‚impairment‘ – zu berücksichtigen? Was bedeutet das für Diskurse um A/Normalität? Gibt es eine nichtdiskriminierende Vorstellung von Leid und Behinderung? Wie sind Diskurse um Leid und Behinderung aus Sicht der Disability Studies zu bewerten, bspw. im Kontext der aktuellen Debatten um Sterbehilfe oder um pränatale Diagnostik? Wie diskutieren die Disability Studies das Thema ‚Heilung‘ – auch angesichts zunehmender medizinischer Fortschritte bei einst als ‚unheilbar‘ geltenden Beeinträchtigungen?

Körperbilder

Inwiefern nehmen gesellschaftliche Vorstellungen und Abbildungen von Körpern Einfluss auf leibliche Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen? Wie werden behinderte Körper platziert, sichtbar und unsichtbar gemacht? Mit welchen Sinnen werden diese (synästhetischen, da diskursiven) ‚Bilder‘ vernommen? Welche performativen Akte der Transformation der Wahrnehmung von behinderten Körpern werden in der Kunst, in visuellen Diskursen, in Öffentlichkeit und sozialen Medien hervorgebracht?

Zeit-Körper

In welchem Verhältnis steht der beeinträchtigte Körper zu Zeit und Zeitvorgaben? Wie kann Crip Time bzw. eine Asynchronizität von Eigenzeit und gesellschaftlicher Zeit theoretisiert und analysiert werden? Wie können Körperbewegungen, Behinderungen des Körpers bzw. Verkörperungen von Behinderung gesellschaftliche Vorstellungen verändern? Dazu gehören Fragen nach der Reproduktionsfähigkeit, Körper und Geschlecht aber auch solche nach der Pandemie mit ihrem Krisenmanagement und Triage-Praktiken und einem (neuen?) Bewusstsein für körperliche Verletzbarkeit.

Körper-Technik

Wie gestaltet sich und wie verändert sich das Verhältnis von Körper und Technik? Wie beeinflussen Technik, technische Assistenz und Praktiken des Bio-Enhancements die Sicht auf Behinderung? Von Interesse sind bspw. Körpererweiterungen, -Fertigkeiten und -Beherrschung oder auch der Einsatz technischer Assistenz und Optimierung, die zu veränderten Körpertechniken, Habitualisierungen, kulturellen Körperpraktiken führen.

Wir freuen uns auf zahlreiche Einreichungen von Abstracts!

 

Einreichung

Die dritte Ausgabe der ZDS wird Mitte 2022 erscheinen. Um das zu ermöglichen, bitten wir Sie/Dich bereits bei der Einreichung von Artikelideen die folgenden Fristen zu beachten:

Einreichung Abstracts| 08.11.2021
Auswahl der Abstracts / Rückmeldung an Einreichende|22.11.2021
Einreichung des Manuskripts| 11.02.2022
Versendung der Reviews an Einreichende | 15.04.2022
Einreichung der überarbeiteten Manuskripte | 30.06.2022
Rücksendung 2. Feedback an Autor*innen | 31.07.2022
Einreichung der finalen Manuskriptversion | 31.08.2022

Die Abstracts von insgesamt max. 3500 Zeichen bitte als Word-Datei unter Angabe von Namen, Nachnamen, Affiliation und der eigenen Emailadresse per Mail an kontakt@zds-online.de senden. Hinweise zur Manuskriptgestaltung nach Annahme des Abstracts finden Sie unter siehe https://zds-online.org/

Mit freundlichen Grüßen vom Herausgeber*innenteam

Julia Biermann, Mai-Anh Boger, David Brehme, Swantje Köbsell, Rebecca Maskos, Lisa Pfahl

Literatur

Barnes, C., & Mercer, G. (2003): Disability. Polity Press.

Biermann, J., & Pfahl, L. (2020) A Global Monitoring Practice in the Making: Disability Measurement for United Nations Sustainable Development Goal 4 on Inclusive Education. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 31(3), 192-213. https://doi.org/10.25365/oezg-2020-31-3-11 

Davis, L. J. (1997). Nude Venuses, Medusa’s Body, and Phantom Limbs: Disability and Visuality. In D. T. Mitchell & S. L. Snyder (Hrsg.), The Body and Physical Difference. Discourses of Disability (S. 51-70). University of Michigan Press.

Hughes, B., & Paterson, K. (1997). The Social Model of Disability and the Disappearing Body: Towards a Sociology of Impairment. Disability & Society, 12(3), 325- 340. https://doi.org/10.1080/09687599727209

Kafer, A. (2003). Compulsory Bodies. Reflections on Heterosexuality and Able-Bodiedness, Journal of Women’s History, 15 (3), 77-89. https://doi.org/10.1353/jowh.2003.0071

McRuer, R. (2006): Compulsory Able-Bodiedness and Queer/Disabled Existence. In L. J. Davis (Hrsg.), The Disability Studies Reader (2. Ausgabe, S. 301-308). Routledge.

McRuer, R. (2010). Ohne Titel, Vortragsmanuskript. Universität Hamburg.

Rich, A. (2003). Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence (1980). Journal of Women’s History 15(3), 11-48. https://doi.org/10.1353/jowh.2003.0079

Siebers, T. (2008). Disability Theory. University of Michigan Press. https://doi.org/10.3998/mpub.309723

Thomas, C. (1999). Female Forms. Experiencing and Understanding Disability. Open University Press.

Thomas, C. (2007). Sociologies of Disability and Illness. Contested Ideas in Disability Studies and Medical Sociology. Palgrave Macmillan.

Tremain, S. (2005). Foucault, Governmentality, and Critical Disability Theory: An Introduction. In S. Tremain (Hrsg.), Foucault and the Government of Disability (S. 1-25). University of Michigan Press. https://doi.org/10.3998/mpub.8265343

 

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Der Call for Papers zur 2. Ausgabe:

Der Call for Papers als barrierefreies pdf

„Abseits und Jenseits des Sozialen Modells – 
Neuer Realismus und Phänomenologie der Behinderung“

Nach wie vor ist die Frage, was Behinderung überhaupt ist, wie sie sich definieren, modellieren, theoretisieren und (anders) denken lässt, die ‚Gretchenfrage’ der Disability Studies. Einerseits wird sich dabei weiterhin auf das Soziale Modell bezogen: Welche Weiterentwicklungen, neuen Entwürfe, Gegenentwürfe und interessanten Kritiken gibt es zu diesem? Andererseits wird aber auch erörtert, dass es an der Zeit wäre, nicht mehr nur mit Modellen zu arbeiten, sondern die Arbeit am Begriff stärker an die Theoriebildung rückzukoppeln (ex. s. Waldschmidt 2020). Welche Theorien zu Behinderung gibt es?

Die zweite Ausgabe der Zeitschrift für Disability Studies widmet sich daher dieser grundlegenden Frage, die seit der Gründungsstunde der Disability Studies zu ihrem Kern gehört:

Was ist Behinderung aus der Perspektive der Disability Studies? 

Wie lässt sich Behinderung aus einer sozial- und kulturwissenschaftlichen oder aber aus einer philosophischen Perspektive begrifflich fassen und beschreiben? 

So gibt es Vertreter_innen der Disability Studies, welche dem Sozialen Modell die Treue halten wollen, aber dennoch monieren, dass dieses aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ungenügend sei: Wie ließe sich aus diesem Modell, das im aktivistischen Kontext geboren wurde und zu politischen Zwecken in der skandierbaren Zeile ‚Wir sind nicht behindert, wie werden behindert‘ verdichtet wurde, eine tragfähige (konstruktivistische) Theorie machen? Müssen wir dies (im Zuge der Akademisierung der Disability Studies)? 

Im Unterschied zu Theorien, die eine Arbeit am Begriff eröffnen, wird in Modellen ein Objekt X – in diesem Fall ‚Behinderung‘ – dimensionalisiert oder in Faktoren zerlegt. Was zeigt sich über die Tragfähigkeit sowie über die Grenzen des Sozialen Modells in Versuchen der Operationalisierung und Quantifizierung desselben? Inwiefern wird darin eine Objektivierung und (Re-)Medizinalisierung des Behinderungsbegriffs wiedereingeführt oder eben unterbrochen? 

 

In den verschiedenen Herangehensweisen bei der Definition, Modellierung und Theoretisierung von ‚Behinderung’ zeigt sich häufig auch der Unterschied zwischen Empirismus und Empirie sehr deutlich: Zu der dominanten medizinischen Perspektive des (vermeintlich) objektiven, positivistischen Draufblicks gehört auch ebenjener Modus der statistischen Modellierung bei gleichzeitiger Begriffsarmut der empiristisch-quantitativen Forschung. Wo ist darin Platz für die Erfahrung aus der Ersten-Person-Perspektive? 

So würde man zum Beispiel aus der Phänomenologie heraus sagen: Die Erste-Person-Perspektive, die in den Disability Studies aufgrund des Anspruchs der Selbstvertretung behinderter Menschen so zentral ist, ergießt sich nicht im Modus der Modellbildung. Vielmehr spricht man in dieser Traditionslinie von ‚Theorien ersten Grades‘ oder aber ‚subjektiven Theorien‘ oder ‚verkörperten Theorien‘. Aus einer solchen Perspektive des verkörperten Wissens erscheint Modellbildung als eine Form positivistischer/empiristischer Verobjektivierung. 

 

Bemerkbar wird aus dieser Perspektive zudem eine paradoxe Körperlosigkeit des Sozialen Modells: So hält es zwar an einem Konzept dimensionalisierbarer Beeinträchtigung (impairment) fest, kennt aber weder einen Begriff von Körper noch von Leib. In welchem Verhältnis stehen Körperbegriffe zu Behinderungsbegriffen? Was kennzeichnet ‚Behinderung’ als körperliche Erfahrung? 

 

Ebenso relevant ist dabei die epistemische Frage nach der Situiertheit von Wissensproduktionen: Wie wird Behinderung aus der Subjektperspektive erfahren? Dies ist auf mindestens zwei Ebenen relevant. Erstens betrifft dies die Bedeutung der Selbstvertretung behinderter Menschen in den Disability Studies und zweitens schließt dies an Diskurse um ‚Epistemologies of the South’, um ‚epistemic (in-)justice’ und ‚epistemische Gewalt/Epistemizid’ an: Welche Bedeutung hat die Selbsterzählung bzw. die Theoretisierung der 1.-Person-Perspektive für das Umreißen eines Behinderungsbegriffs? Welche post-kolonialen Einsatzpunkte gibt es für die Arbeit am Begriff ‚Behinderung’ und für eine Dezentrierung westlicher/europäischer Perspektiven auf diese? Welche anderen Möglichkeiten gibt es, am Begriff ‚Behinderung‘ zu arbeiten? 

 

Bewegt durch die Annahme, dass Theoriebildung im Sinne eines eingreifenden Denkens (Brecht) in das Politische und die gesellschaftlichen Verhältnisse eingebettet ist und darin auf eine emanzipatorische Wirkung zielen sollte, lässt sich auch fragen, ob das Soziale Modell nach wie vor als skandierbarer, politischer Stachel taugt oder ob es dieses subversive Potential bereits eingebüßt hat: Welche Theoriebewegungen und Begriffe von Behinderung hätten derzeit subversives Potential? Welches situierte Wissen (Haraway) gibt es darüber, welche Theoretisierungen und Begriffsbildungen zu Behinderung als anstößig gelten bzw. irritieren oder politisch aufrütteln und welche dem hegemonialen Narrativ entsprechen, also Teil des ableist gaze sind? 

 

[Zur weiteren Planung: Dieses Heft fokussiert wissenschaftstheoretische und epistemologische Grundlagen. Anthropologische Fragen wurden darin ausgeklammert, da im weiteren Verlauf ein eigenes Heft zum Themenfeld Anthropologie(-kritik), Cyborg, Transhumanismus und (Anti-) Humanismus geplant ist.] 

 

Eingeladen sind Beiträge, die 

 

  • im Sinne kritischer Würdigungen, historischer Abhandlungen oder anderer argumentativer Abwägungsfiguren, den Diskursstand zum Sozialen Modell und/oder dem Kulturellen Modell von Behinderung resümieren
  • andere Entwürfe zur Theoretisierung von Behinderung einbringen, ohne sich weiter an Vorläufer-Modellen abzuarbeiten
  • sich mit einer Kritik am Sozialen Modell und/oder mit Kritiken am (Radikal-)Konstruktivismus befassen

 

Ebenso erwünscht sind Perspektiven, die sich jenseits und abseits der derzeit in den Disability Studies geläufigen konstruktivistischen Argumentationen bewegen – egal ob diese materialistischer, phänomenologischer oder ganz anderer Provenienz sind. Gefragt sind Einreichungen zu

 

  • Theorien des Körpers und die darin nahegelegten Behinderungsbegriffe
  • Phänomenologie der Behinderung und des Behindert-Werdens 
  • Philosophische Arbeiten zu Nominalismus, Kritischem/Neuem Realismus, Konstruktivismus(-kritik) etc.
  • Materialistische Behinderungsbegriffe & das Potential des New Materialism für die Disability Studies
  • Intersektionale Arbeiten zur Dezentrierung von Behinderungsbegriffen
  • International vergleichende und/oder post-koloniale Arbeiten zu Behinderungsbegriffen aus kulturtheoretischen, geschichtlichen, imperialismuskritischen etc. Perspektiven
  • Relevanz wissenschaftstheoretischer/epistemologischer/philosophischer Grundlagen für die DS und für den Aktivismus/die Behindertenbewegungen (Politische Philosophie) 
  • ….

Auch aus aktivistischen/politischen Kreisen werden Beiträge gesucht: 

Inwiefern taugt das Soziale Modell als politischer Stachel? Hat es (noch? nicht mehr? mittlerweile wieder?) subversives Potential? Woran merkt man das in der politischen Arbeit? Welche anderen Begriffe von Behinderung hätten derzeit politisches Potential? Welche Begriffe von Behinderung sind derzeit hegemonial?

Einreichung

Wir freuen uns auf zahlreiche Einreichungen! Die zweite Ausgabe der ZDS wird Ende 2021 erscheinen. Um das zu ermöglichen, bitten wir Sie/dich bei der Einreichung von Artikelideen die folgenden Fristen zu beachten:

| Einreichung Abstracts: | 01.03.2021
| Auswahl der Abstracts / Rückmeldung an Einreichende:  | 15.03.2021
| Einreichung des Manuskripts:  | 01.06.2021
| Versendung der Reviews an Einreichende: | 15.08.2021
| Einreichung der überarbeiteten Manuskripte:  | 30.09.2021
| Rücksendung 2. Feedback an Autor*innen: | 31.10.2021
| Einreichung der finalen Manuskriptversion:  | 30.11.2021

Die Abstracts können unter https://umfrage.hu-berlin.de/index.php/633545 eingereicht werden. 

Bei Nachfragen oder Problemen mit dem Online-Formular können Sie sich per Mail an
kontakt@zds-online.dewenden. 

Wir sind gespannt auf Ihre Einreichungen!

Mit herzlichen Grüßen,

das Herausgeber*innenteam – Julia Biermann, Mai-Anh Boger, David Brehme, Swantje Köbsell, Rebecca Maskos, Lisa Pfahl

Kontakt: kontakt@zds-online.de

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Erstausgabe

Hier sind alle Artikel der aktuellen Ausgabe. Jede Ausgabe enthält die Rubriken Fachbeiträge, Debattenbeiträge und Zwischenrufe/Rezensionen sowie ein Kunstwerk aus den Disability Arts.

Aus der Redaktion

Beiträge

Empirische und theoretische Originalarbeiten aus den Disability Studies:

Debatten

Reflexionen und Diskussionen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Aktivismus:

Zwischenrufe

Kommentare und Positionen zu aktuellen Ereignissen:

Disability Arts

Künstlerische Arbeit aus den Disability Arts and Culture:

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Der Call for Papers zur Erstausgabe:

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„Utopien & Dystopien – Ein Disability Studies Blick nach vorn“

Die erste Ausgabe der Zeitschrift für Disability Studies fragt danach, wie sich Behinderung als soziales Phänomen in Zeiten von erstarkendem Nationalismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus, um sich greifendem Neoliberalismus, Handelskriegen, Digitalisierung und sich beschleunigendem Klimawandel verändern wird. Welche Zukünfte der Behinderung lassen sich vor diesem Hintergrund entwerfen?

Die Beiträge dieser Ausgabe suchen Antworten auf die Frage, wie sich das Leben behinderter Menschen angesichts gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Megatrends – von Urbanisierung über Digitalisierung bis Individualisierung – verändern wird; welche Utopien, Anti-Utopien und Dystopien von Behinderung sich jenseits von ableistischen Utopien einer „behinderungsfreien“Gesellschaft entwickeln lassen. 

Mögliche, aber nicht ausschließliche, Themen, die in dieser Ausgabe eine Rolle spielen, umfassen dabei: Ausgangspunkt zahlreicher kontroverser Debatten in den Disability Studies erscheint die zunehmende Verschiebung der Grenzen des Menschseins – z. B. im Kontext der Diskurse zu Post- & Transhumanismus / Enhancement / Cyborgs, zu der auch die in der sog. Tierrechtsdebatte mit ihrer Unterscheidung in human/non-human animals gehört. In der zunehmenden Globalisierung des DS-Diskurses wird deutlich, dass die für die Disability Studies zentrale Unterscheidung von impairment und disability eine sehr westlich geprägte ist – wie verändert sich der Blick darauf unter Einbezug postkolonialer Theorien und Stimmen aus den Ländern des globalen Südens? Wie wirken sich neue medizinische Machbarkeiten in der Pränataldiagnostik auf das alltagseugenische Denken aus – und was kann ihm entgegengesetzt werden? Wird sich die Psychiatrisierung der Gesellschaft weiter fortsetzen oder wird die Psychiatrie abgeschafft? Welche Bedeutung haben erstarkender Nationalismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus bei gleichzeitiger Zunahme von Flucht- und Migrationsbewegungen auf den (kritischen) Behinderungsdiskurs? Wird ein weltweit anhaltend boomender Kapitalismus mit immer neuen Formen der Arbeitskraftverwertung eine zunehmende Nützlichkeitserwartung an Körper stellen und damit auch beeinträchtigte Menschen weiter marginalisieren? Wird der demographische Wandel mit einer signifikanten Zunahme beeinträchtigter Menschen eine Veränderung der Bewertung von Beeinträchtigung und Behinderung mit sich bringen? Neben dem demographischen Wandel wird die Digitalisierung maßgeblich unsere Zukunft beeinflussen – welche Möglichkeiten eröffnet diese für behinderte Menschen und wo entstehen hier möglicherweise neue Barrieren? Wie sähen Entwürfe von inklusiven Gesellschaften aus, die  den Bedürfnissen und Fähigkeiten aller Menschen gerecht werden?

Auch die Zukunft der kritischen Behinderungsforschung kann in den Blick genommen werden – wie wird/sollte sie sich weiterentwickeln? Wird Identitätspolitik weiterhin eine Rolle spielen oder überwunden werden? Wie wird sich das Verhältnis der Disability Studies zu Nachbardisziplinen wie den Mad Studies, der Teilhabeforschung, der Inklusionsforschung etc. entwickeln?  Und last but not least: Welche Inhalte werden zukünftige Politiken im Hinblick auf Behinderung eine Rolle spielen – und wie sieht die Zukunft der (Menschen)Rechte behinderter Menschen aus?

Einreichung

Wir freuen uns auf zahlreiche Einreichungen! Die Erstausgabe der ZDS wird Anfang 2021 erscheinen. Um das zu ermöglichen, bitten wir Sie/dich bei der Einreichung von Artikelideen die folgenden Fristen zu beachten:

| Einreichung Abstracts: | 01.03.2020
| Auswahl der Abstracts / Rückmeldung an Einreichende:  | 01.04.2020
| Einreichung des Manuskripts:  | 01.07.2020
| Versendung der Reviews an Einreichende: | 15.09.2020
| Einreichung der überarbeiteten Manuskripte:  | 30.10.2020
| Rücksendung 2. Feedback an Autor*innen: | 30.11.2020
| Einreichung der finalen Manuskriptversion:  | 30.12.2020

Wir sind gespannt auf Ihre/Eure Einreichungen!

Mit herzlichen Grüßen,

das Herausgeber*innenteam – Julia Biermann, Mai-Anh Boger, David Brehme, Swantje Köbsell, Rebecca Maskos, Lisa Pfahl

Kontakt: kontakt@zds-online.de


[1] Vgl. Rice, C., Chandler, E., Rinaldi, J., Changfoot, N., Liddiard, K., Mykitiuk, R. and Mündel, I. (2017), Imagining Disability Futurities. Hypatia, 32: 213-229. doi:10.1111/hypa.12321