Der Call for Papers als barrierefreies pdf. (wird nachgereicht)
Transformation von Behinderung – Behinderung in der Transformation.
Gesellschaftliche Dynamiken und ihre Auswirkungen auf Menschen mit Behinderungen und die Disability Studies
Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. Diese reichen von der andauernden Klimakrise, den erstarkten Flucht- und Migrationsbewegungen, über die Corona-Pandemie und ihre Folgen im Gesundheitswesen, dramatisch gesteigerten sozialen Ungleichheiten in Einkommen und Vermögen bis hin zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sowie dem Erstarken rechtspopulistischer und faschistischer Bewegungen. Diese Krisen bedeuten umfassende Transformationsprozesse, die ökonomisch, gesellschaftlich und politisch, aber auch individuell bewältigt werden müssen. Sie betreffen in jeweils spezifischer Weise behinderte Menschen stärker als die allgemeine Bevölkerung.
Die Disability Studies ermöglichen eine vielschichtige Analyse dieser Transformationen und lenken den Blick auf alte und neue Ideologien, Normen, gesellschaftliche Strukturen, Ökonomien, Organisationen, Kultur, Technologie, Politik und Forschung. Sie schließen utopische Visionen einer Gesellschaft ein, die sorgende Formen von Raum, Zeit und sozial-politischen Beziehungen in Bezug auf Nicht:Behinderung beinhalten (vgl. Berne et al. 2018; Piepzna-Samarasinha 2018). Die UN-Behindertenrechtskonvention hat zweifellos wichtige rechtliche und politische Reformen angestoßen. Auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie die Kämpfe um Anerkennung von Neurodiversität oder psychischen Erkrankungen verdienen Aufmerksamkeit. Dennoch ist sozialer Wandel, der die Menschenrechte aller Gesellschaftsmitglieder berücksichtigt, kein Automatismus. Die Frage, warum Menschen nach wie vor behindert werden und Ableismus erfahren, bleibt zentral. Positive Entwicklungen der letzten Jahre sind fragil. So warnt das UN-BRK-Komitee in seinen Berichten zur Umsetzung der BRK in den europäischen Ländern vor Rückschritten, etwa bei inklusiver Bildung, Barrierefreiheit oder Deinstitutionalisierung. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie ambivalent Politik und Gesellschaft mit der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen umgehen (Mladenov & Brennan 2021). Sie hat die ohnehin bestehende Ungleichbehandlung von behinderten Menschen noch einmal deutlich sichtbar gemacht. Sozialkürzungen im Kontext ökonomischer Verknappung und der Aufstieg autoritärer Bewegungen gefährden Inklusion und Minderheitenrechte auch im deutschsprachigen Raum (Disability Rights UK 2024).
Die Transformationen infolge der genannten Entwicklungen werfen gesellschaftspolitische Fragen auf: Wie reagieren politische Institutionen, soziale Dienste und die Öffentlichkeit auf die Forderungen von Menschen mit Behinderungen und ihren Organisationen? Warum sind Entscheidungsprozesse im Bereich Behinderung oft undemokratisch und intransparent – trotz der Betonung von Partizipation und Mitgestaltung? Wer wird gehört? Wer bleibt unsichtbar? Die klassischen Forderungen „Nichts über uns ohne uns“ und die Grundfrage „Wer bekommt eine Stimme?“ sind nach wie vor aktuell. Auch innerhalb der Behindertenrechtsbewegung geht es um Fragen von Demokratie, Vielfalt und Repräsentation – etwa bei neuen Themen, Organisations- und Aktionsformen und in Zusammenarbeit mit neuen Akteur:innen. Dabei hat das Feld der Disability Studies international selbst Transformationen durchlaufen: Es hat sich als akademische Disziplin etabliert und Teilbereiche wie Crip Theory, Neurodiversity Studies, Deaf Studies, Black Disability Studies, Critical Bindness Studies und Mad Studies hervorgebracht. Diese Entwicklungen bergen jedoch die Gefahr, dass sich die Disability Studies von ihren ursprünglichen Wurzeln in den Bewegungen von Menschen mit Behinderungen entfernen und sich in verschiedene Strömungen aufspalten (Goodley et al. 2019).
Aktuell sind die Disability Studies im deutschsprachigen Raum massiven Kürzungen und Angriffen auf kritische Forschung ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es entscheidend, die Bedingungen zu reflektieren, unter denen kritische Behinderungsforschung gesellschaftlichen Wandel bewirken kann. Ein Aspekt transformativen Wissens ist z.B., wie Archive die gelebten Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen und Aktivist:innen dokumentieren und bewahren können. Vor allem geht es darum, die Auswirkungen gesellschaftlicher Transformationen auf behinderte Menschen zu analysieren – insbesondere im Hinblick darauf, inwieweit Veränderungsprozesse demokratisch und inklusiv gestaltet sind. Welche Personen, Organisationen, Strukturen und Bewegungen treiben transformatives Wissen und Handeln voran? Welche Wissensproduktionen liegen dem gesellschaftlichen Wandel zugrunde? Und wie können Konzepte, die in den Perspektiven von Menschen mit Behinderungen verwurzelt sind, zu Veränderungen in Gesellschaft, Kultur und Politik führen?
Die Zeitschrift für Disability Studies lädt mit diesem Call zur Einreichung von Beiträgen ein, die sich kritisch mit den Dynamiken des aktuellen gesellschaftlichen Wandels und den Folgen für Menschen mit Behinderungen auseinandersetzen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob die Veränderungen in den sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Systemen, die das Leben von Menschen mit Behinderungen prägen, Gleichberechtigung ermöglichen oder Ausgrenzung und Prekarität – auch in der Forschung selbst – zur Folge haben. Wir laden ebenso Beiträge ein, die analysieren wie sich die gegenwärtigen Transformationsprozesse in den Behindertenbewegungen und in der Forschung zu Behinderung niederschlagen.
Eingeladen sind – auch aus künstlerischen und aktivistischen Kreisen – Beitragsvorschläge für die verschiedenen Rubriken der ZDS (Fachbeitrag, Debattenbeitrag, Zwischenruf). Hinweise zur Manuskriptgestaltung nach Annahme des Abstracts siehe https://zds-online.org/
Wir freuen uns auf zahlreiche Einreichungen von Abstracts
Einreichung
Diese Ausgabe der ZDS wird im Frühjahr 2027 erscheinen. Um das zu ermöglichen, bitten wir Sie/dich bereits bei der Einreichung von Artikelideen die folgenden Fristen zu beachten:
Bis 28.1. Einreichung von Abstracts für Fach- und Debattenbeiträge über folgendes Formular: https://forms.gle/6RM8FYVNLzKDcUhE9
Bis 10.2. Rückmeldung und Aufforderung zur Einreichung des Volltexts des Beitrags
Bis 15.5. Einreichung der Beiträge und Start des doppelt anonymen Review-Verfahrens
Bis 15.9. Rückmeldung über das Ergebnis des Review-Verfahrens an die Autor:innen
Bis 30.10. Überarbeitung der Beiträge durch die Autor:innen
Die Abstracts bitte unter https://forms.gle/6RM8FYVNLzKDcUhE9 einreichen.
Bei Problemen mit dem Online-Formular bitte per Mail an kontakt@zds-online.de wenden.
Mit freundlichen Grüßen vom Herausgeber*innenteam
Julia Biermann, Mai-Anh Boger, David Brehme, Petra Fuchs, Swantje Köbsell, Rebecca Maskos, Lisa Pfahl
Literatur
Berne, P., Levins Morales, A., Langstaff, D. and Sins Invalid (2018). Ten principles of disability justice. Women’s Studies Quarterly, 46:1/2, 227-230.
Disability Rights UK (2024). Disability Rights UK Stands Against Far-Right, Racist Violence: Full Statement, 6 August 2024, https://www.disabilityrightsuk.org/news/disability-rights-uk-stands-against-far-right-racist-violence-full-statement.
Goodley, D., Lawthom, R., Liddiard, K. and Runswick-Cole, K. (2019). Provocations for Critical Disability Studies. Disability & Society, 34:6, 972-997.
Mladenov, T. and Brennan, C. (2021). The global COVID-19 Disability Rights Monitor: Implementation, findings, disability studies response. Disability and Society, 36:8, 1356-1361.
Piepzna-Samarasinha, L. (2018). Care Work: Dreaming Disability Justice. Arsenal Pulp.
